Basel statt Wien
Freitag, 1. Januar 2027 von Tobias Guldimann Stadtgeschichte Basel
Basel statt Wien? Wie Rudolf von Habsburg die Stadt beinahe zum Machtzentrum machte
Im Sommer 1273 lag Rudolf von Habsburg mit seinen Truppen vor Basel. Seit Monaten führte er Krieg gegen den Basler Fürstbischof Heinrich von Neuenburg. Die Vorstadt St. Johann war niedergebrannt worden, die Stadt wurde belagert. Dann erreichte Rudolf im Feldlager eine Nachricht, die alles veränderte: Die deutschen Fürsten hatten sich auf ihn als neuen König verständigt. Aus dem regionalen Grafen und Gegner des Basler Bischofs wurde das künftige Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches. Die Belagerung endete, die politischen Verhältnisse wurden neu geordnet – und Basel entwickelte sich zu einem bevorzugten Aufenthaltsort Rudolfs. Mindestens 26 Besuche mit insgesamt 139 Aufenthaltstagen sind nachgewiesen.
Hätte Basel anstelle Wiens zum Machtzentrum der Habsburger werden können? Ganz so einfach ist die Geschichte nicht. Eine Hauptstadt im modernen Sinn besass das mittelalterliche Reich nicht. Dennoch sprechen Rudolfs häufige Aufenthalte, seine Basler Politik und die Grablegen seiner Familie dafür, dass die Stadt für ihn weit mehr war als nur eine gelegentliche Station.
Vom regionalen Grafen zum König
Als Rudolf um 1240 nach dem Tod seines Vaters den Familienbesitz übernahm, gehörten die Habsburger noch nicht zu den führenden Dynastien Europas. Ihre Rechte und Güter lagen vor allem im Aargau, im Elsass und im Breisgau. Es handelte sich nicht um ein geschlossenes Territorium, sondern um ein Geflecht aus Burgen, Vogteien, Lehen und Herrschaftsrechten. Rudolf profitierte von seiner Verbindung zu den Staufern. Er hielt Kaiser Friedrich II. und dessen Sohn Konrad IV. lange die Treue und konnte seine Stellung während der politischen Unsicherheit des Interregnums ausbauen. Seine Ehe mit Gertrud von Hohenberg, die als Königin später den Namen Anna führte, stärkte seine Verbindungen insbesondere im Elsass.
Der entscheidende Schritt folgte 1264: Nach dem Aussterben der älteren Kyburger sicherte sich Rudolf bedeutende Teile ihres Erbes. Damit erweiterte er seinen Einfluss vom Aargau über die heutige Nordwestschweiz bis in den Zürich- und Bodenseeraum. Aus einem regional bedeutenden Grafen wurde einer der mächtigsten Herren im Südwesten des Reiches.
Am 1. Oktober 1273 wählten die Fürsten Rudolf in Frankfurt zum römisch-deutschen König. Am 24. Oktober wurden er und Gertrud beziehungsweise Anna in Aachen gekrönt. Die Königswahl 1273 beendete das Interregnum im engeren Sinn und machte den Habsburger zum ersten Vertreter seiner Familie auf dem Königsthron.
Noch war allerdings keineswegs absehbar, dass die Zukunft der Dynastie einmal in Wien liegen würde. Rudolf regierte mit einem reisenden Hof. Herrschaft wurde dort ausgeübt, wo sich der König gerade aufhielt, Urkunden ausstellte, Gericht hielt, Fürsten empfing oder einen Hoftag einberief. Eine Stadt konnte dadurch zu einem bevorzugten Herrschaftszentrum werden, ohne formelle Hauptstadt zu sein.
1273 - Als Rudolf Basel belagerte
Rudolfs Verhältnis zu Basel begann nicht mit königlicher Harmonie, sondern mit Gewalt. Um 1270 eskalierte sein Konflikt mit Fürstbischof Heinrich von Neuenburg. Beide Seiten stritten um Burgen, Städte und Herrschaftsrechte am Oberrhein. Auch innerhalb Basels verlief eine politische Trennlinie. Die adligen Gesellschaften der «Sterner» und «Psitticher» standen für unterschiedliche Netzwerke und Interessen. Die Sterner näherten sich Rudolf von Habsburg an, während die Psitticher zunächst eher den Bischof unterstützten. Moderne Parteien waren sie allerdings nicht.
1271 wurden die Sterner aus Basel vertrieben und schlossen sich Rudolf an. Im folgenden Jahr liess dieser im Verlauf der Fehde die Vorstadt St. Johann niederbrennen. 1273 begann er mit der Belagerung der Stadt. Da erfuhr Rudolf, dass sich die Fürsten auf ihn als Königskandidaten geeinigt hatten. Der Konflikt musste nun unter völlig neuen Voraussetzungen beigelegt werden: Der bisherige Fehdegegner des Bischofs stand kurz davor, das Oberhaupt des Reiches zu werden.
Nach seiner Wahl bestätigte Rudolf einerseits Rechte des Bischofs, machte andererseits aber königliche Ansprüche geltend. Die vertriebenen Sterner durften nach Basel zurückkehren. Am 13. Januar 1274 zog Rudolf als König feierlich in die Stadt ein. Aus dem Belagerer war ein Herrscher geworden, dessen Nähe für Basel Privilegien, Schutz und politischen Einfluss versprach.
Warum Basel für Rudolf so attraktiv war
Basels Lage passte beinahe ideal zu Rudolfs damaligem Herrschaftsraum. Die Stadt lag zwischen seinen Besitzungen und Einflussgebieten im Aargau, Elsass und Breisgau. Über Burgund führten Verbindungen in den französischsprachigen Westen, über den Oberrhein nach Norden und über das Mittelland in Richtung Alpen. Der Rheinübergang machte Basel zu einem wichtigen Verkehrs- und Handelsplatz. Als Sitz eines Fürstbischofs verfügte die Stadt zudem über kirchliche Institutionen, Verwaltungswissen und internationale Kontakte. Klöster, bischöfliche Gebäude und städtische Märkte konnten einen königlichen Hof mit seinen Räten, Geistlichen, Dienern und bewaffneten Begleitern aufnehmen und versorgen. Auch politisch fand Rudolf hier Unterstützer. Neben den habsburgfreundlichen Sternern wurde besonders der 1275 eingesetzte Basler Bischof Heinrich von Isny zu einem engen königlichen Vertrauten. Er diente Rudolf als Diplomat und stellte ihm bei Aufenthalten die notwendige Infrastruktur zur Verfügung.
Die Zahlen sind eindrücklich: Für Rudolf von Habsburg in Basel lassen sich mindestens 26 Aufenthalte mit insgesamt 139 Tagen nachweisen. Dazu gehörten ein Hoftag im Jahr 1284 und sein Osteraufenthalt 1291. Die Forschung bezeichnet Basel deshalb als Rudolfs bevorzugten Aufenthaltsort in der Region. Eine politische und dynastische Vorliebe ist damit gut belegt – dass Rudolf Basel persönlich «liebte», wissen wir dagegen nicht.
Rudolf von Habsburg und Rheinfelden
Neben Basel spielte Rheinfelden eine wichtige Rolle in der frühen Geschichte der Habsburger. Dabei muss zwischen der Reichsstadt Rheinfelden und der Burg Stein auf der Rheininsel unterschieden werden. Nach dem Aussterben der Zähringer wurde Rheinfelden 1218 reichsfrei. Rudolf erhielt im Umfeld der Stadt zeitweise Rechte als Reichspfand. Während des Interregnums standen die Stadt und die Burg unter starkem Einfluss des Basler Fürstbischofs. Nach seiner Königswahl stellte Rudolf 1273 die Reichsunmittelbarkeit Rheinfeldens wieder her. Das bedeutete nicht, dass ihm die Stadt nun als privater Besitz gehörte. Rudolf handelte als König und setzte Reichsrechte gegenüber dem Basler Bischof durch.
Anders gelagert war die Situation bei der Burg Stein. Sie diente der Familie zeitweise als Wohn-, Verwaltungs- und Herrschaftssitz. Rudolfs ältester Sohn Albrecht, der spätere König Albrecht I., wurde 1255 in Rheinfelden geboren. Die Burg verband die habsburgischen Besitzungen im Aargau mit dem Oberrhein und lag nur eine Tagesreise von Basel entfernt.
Wer den Zusammenhang zwischen Rudolf von Habsburg und Rheinfelden verstehen will, muss deshalb stets beides im Blick behalten: die rechtlich selbstständige Reichsstadt und den habsburgisch genutzten Herrschaftssitz auf der Rheininsel.
Die Rheinfelder Hausordnung: Der Weg führt nach Osten
Auf der Burg Stein wurde am 1. Juni 1283 eine Entscheidung getroffen, welche die Zukunft der Habsburger nachhaltig beeinflusste.
Fünf Jahre zuvor hatte Rudolf seinen mächtigsten Gegner besiegt. In der Schlacht auf dem Marchfeld von 1278 unterlag Ottokar II. von Böhmen. Österreich und die Steiermark fielen an das Reich zurück. 1282 belehnte Rudolf seine Söhne Albrecht und Rudolf gemeinsam mit den beiden Herzogtümern. Die gemeinsame Herrschaft stiess bei den österreichischen und steirischen Landherren jedoch auf Widerstand. Mit der Rheinfelder Hausordnung übertrug der König deshalb 1283 die alleinige Regierung an Albrecht. Dessen jüngerer Bruder Rudolf sollte mit Geld oder anderen Territorien entschädigt werden.
Die Hausordnung gehört zu den frühesten dynastischen Ordnungen der Habsburger. Sie machte aus Österreich noch nicht über Nacht das einzige Zentrum der Familie. Doch sie stärkte jene territoriale Grundlage, auf der die spätere habsburgische Grossmacht aufbauen konnte. Darin liegt die historische Ironie: Ausgerechnet in Rheinfelden, mitten in der alten habsburgischen Herrschaftslandschaft am Hochrhein, fiel eine Entscheidung, die den Schwerpunkt der Familie langfristig nach Osten verschob.
Die Habsburger im Basler Münster
Das Grabmal von Königin Anna von Habsburg und ihrem früh verstorbenen Sohn Karl befindet sich im Chorumgang des Basler Münsters.
Wie eng Rudolf Basel mit seiner Dynastie verband, zeigt sich besonders im Basler Münster. Dort wurden seine Gemahlin Gertrud von Hohenberg, als Königin Anna genannt, und sein 1281 verstorbener Sohn Hartmann bestattet.
Das heute sichtbare Grabmal zeigt Anna zusammen mit ihrem früh verstorbenen Sohn Karl. Hartmann wurde ebenfalls im Münster beigesetzt, ist aber nicht mit dem Kind auf der erhaltenen Grabplatte zu verwechseln. Seine Gebeine wurden später mit jenen seiner Mutter und seines Bruders zusammengeführt.
Die Bestattungen waren nicht nur Ausdruck persönlicher Frömmigkeit. Königliche Grablegen schufen dynastische Erinnerung und markierten politische Ansprüche. Besonders bemerkenswert ist, dass die in Wien verstorbene Königin Anna nach Basel überführt wurde. Das Münster sollte offenbar zu einem wichtigen Erinnerungsort der jungen Königsdynastie werden. Die «Stadt.Geschichte.Basel» hält deshalb die vorsichtige Deutung fest, Rudolf habe Basel vermutlich als Zentrum einer neuen Herrschaft vorgesehen. Das ist ein starkes Indiz für die besondere Bedeutung der Stadt, aber kein Beweis für einen bereits ausgearbeiteten Residenzplan.
Wie Rudolfs Herrschaft Basel veränderte
Nach 1273 griff Rudolf stärker in die Basler Herrschaftsordnung ein. Er beanspruchte die Stadtvogtei als Reichsgut und setzte mit Hartmann von Baldegg einen königsnahen Vogt ein. Damit wurde die weltliche Gerichtsbarkeit dem direkten Zugriff des Bischofs teilweise entzogen. Für Basel entstand ein kompliziertes Dreieck: Bischof, König und städtischer Rat konkurrierten um Rechte und Einfluss. Gerade diese Konkurrenz eröffnete dem Rat neue Handlungsmöglichkeiten. Die Stadt konnte königliche und bischöfliche Ansprüche zunehmend gegeneinander ausspielen. Langfristig trug diese Entwicklung dazu bei, die alleinige Stadtherrschaft des Bischofs aufzubrechen. 1385/86 konnte der Rat die Ämter des Schultheissen und des Vogts pfandweise übernehmen. Basel entwickelte sich von der Bischofsstadt schrittweise zur stärker selbstverwalteten Rats- und Zunftstadt.
Rudolf machte Basel somit nicht zur Habsburgerstadt. Sein Eingreifen beeinflusste aber entscheidend jene politischen Aushandlungsprozesse, welche die Geschichte Basels im Mittelalter prägten. Dies zeigt besonders der zweite Band der neuen Stadtgeschichte, Eine Bischofsstadt zwischen Oberrhein und Jura.
Wollte Basel keine Habsburgerresidenz sein?
Die Vorstellung, Basel habe sich geschlossen gegen eine habsburgische Residenz entschieden und dadurch Wien den Vortritt gelassen, ist verlockend – aber historisch zu einfach. Ein einzelner, eindeutiger Ratsbeschluss gegen eine Residenz ist nicht bekannt. Zudem war Basel kein einheitlicher Akteur. Fürstbischof, Domkapitel, Rat, Stadtadel, Sterner, Psitticher und weitere Bevölkerungsgruppen verfolgten unterschiedliche Interessen. Eine starke königliche Präsenz konnte Privilegien, Schutz, Aufträge und zusätzliche Einnahmen bringen. Ein reisender Hof musste jedoch untergebracht, verpflegt und bewacht werden. Hinzu kamen mögliche Militär-, Transport- und Kontrollpflichten. Was für Kaufleute und königsnahe Adlige attraktiv war, konnte für den Rat oder den Bischof eine Bedrohung ihrer Selbstständigkeit bedeuten.
Auf die Frage, warum Basel keine Habsburgerresidenz wurde, gibt es daher kein einzelnes Basler «Nein». Die Möglichkeit verlor vielmehr schrittweise an Bedeutung, weil sich die Machtverhältnisse innerhalb und ausserhalb der Stadt veränderten.
Warum Wien Basel überflügelte
Österreich und die Steiermark boten den Habsburgern eine grössere und geschlossenere territoriale Grundlage als ihre verstreuten Rechte am Oberrhein. Wien war bereits eine etablierte herzogliche Stadt mit den notwendigen Verwaltungs-, Wirtschafts- und Repräsentationsfunktionen.
Basel gehörte den Habsburgern dagegen nicht. Rudolf besass in der Stadt Einfluss, Verbündete und königliche Rechte, aber keine uneingeschränkte Territorialherrschaft. Bischof und Rat blieben eigenständige politische Kräfte. Hinzu kam ein dynastischer Rückschlag: Rudolf gelang es nicht, die Wahl seines Sohnes Albrecht zum unmittelbaren Nachfolger zu sichern. Nach seinem Tod 1291 wählten die Fürsten zunächst Adolf von Nassau. Erst 1298 wurde Albrecht zum König erhoben. Gleichzeitig nahm die königliche Präsenz am Oberrhein ab, während Österreich für die Familie immer wichtiger wurde.
Wien wurde somit nicht deshalb zum habsburgischen Zentrum, weil Basel eine Residenz abgelehnt hätte. Entscheidend waren der Sieg über Ottokar, die Übernahme Österreichs und der Steiermark sowie die dynastischen Weichenstellungen der 1280er-Jahre.
Fazit: Basel verhinderte keine Hauptstadt
«Basel statt Wien?» beschreibt keine bereits getroffene Wahl zwischen zwei Hauptstädten. Das Heilige Römische Reich besass im 13. Jahrhundert keine Hauptstadt im heutigen Sinn, und Rudolf I. regierte mit einem reisenden Hof. Trotzdem war Basel für ihn aussergewöhnlich wichtig. Die strategische Lage, seine politischen Verbündeten, die königsnahe Kirchenführung, zahlreiche Aufenthalte und die Grablegen seiner Familie machten die Stadt zu einem ernsthaften möglichen Herrschafts- und Erinnerungszentrum der frühen Habsburger. Basel hat keine bereits beschlossene Hauptstadt verhindert. Die Stadt stand vielmehr an einem historischen Scheideweg, bevor die Eroberung Österreichs die dynastische Zukunft neu ausrichtete. Für einen kurzen Moment führte der Weg der Habsburger nicht selbstverständlich nach Wien – sondern auch ans Basler Rheinknie.