Basel 1850: Der Geburtsort des Schweizer Frankens
Mittwoch, 1. Oktober 2025 von Dr. phil. Vincent P. Oberer Stadtgeschicht Basel
Basel 1850: Der Geburtsort des Schweizer Frankens
Vor 175 Jahren, am 7. Mai 1850, wurde der Franken die Landeswährung der Schweiz. Der Grundstein dazu wurde mitten im Basler Stadtzentrum, am belebten Marktplatz, gelegt. Direkt neben dem markanten roten Rathaus, verbirgt sich ein unscheinbares Gebäude, das historisch von großer Bedeutung ist: Hier, im Schatten des prunkvollen Ratshauses, erblickte der Schweizer Franken das Licht der Welt. Diese überraschende Verbindung von Basels Stadtgeschichte mit der Geschichte des Schweizer Frankens bildet den roten Faden unseres Streifzugs durch eine revolutionäre Epoche. Tauchen wir ein in das Basel am Vorabend des Umsturzes.
Helvetische Republik Basel – Revolution am Rheinknie
Vereinigungsfeier auf dem Münsterplatz Basel
Die Stadt feiert am 22. Januar 1798 vor dem republikanisch beflaggten Münster unter einem Freiheitsbaum die Gleichstellung mit der Landschaft (Quelle: Historisches Museum Basel, Foto: P. Portner)
Ende des 18. Jahrhunderts geriet Europa in den Sog der Französischen Revolution. Auch in Basel gärte es: Der Basler Staatsmann Peter Ochs arbeitete in Paris eifrig an einer neuen Verfassung für die Schweiz, während in der Heimat die revolutionären Ideen um sich griffen. Im Januar 1798 kam es in Basel zum Umsturz – und das bemerkenswert friedlich. Am 20. Januar 1798 verkündeten die Basler Behörden die Gleichberechtigung der Landbevölkerung mit den Stadtbürgern und übergaben die Regierung an eine gewählte Nationalversammlung. Basel war damit der erste Kanton der alten Eidgenossenschaft, der sich freiwillig revolutionierte, noch bevor französische Truppen ankamen. Zwei Tage später feierte man ein Verbrüderungsfest: Auf dem Münsterplatz stellten die Basler, gemeinsam mit Abgesandten aus dem Land, einen Freiheitsbaum (eine hohe Tanne) und hissten Trikoloren – Symbole der neuen Zeit. Diese Ereignisse markierten den Beginn der Helvetischen Republik (1798–1803), eines zentralistischen Einheitsstaates nach französischem Vorbild. Für Basel bedeutete die Helvetische Republik tiefgreifende Veränderungen: Die städtischen Obrigkeiten verloren ihre Privilegien, und die Untertanengebiete – das Umland Basels – wurden endlich den Stadtbürgern gleichgestellt. Ein revolutionärer Aufbruch lag in der Luft, der auch vor dem Geldwesen nicht haltmachen würde.
Der Basler Marktplatz war schon immer das pulsierende Herz der Stadt. Hier handelten die Kaufleute unter den Arkaden, hier riefen Marktfahrer ihre Waren aus – und hier erhebt sich seit dem Mittelalter das Rathaus mit seiner leuchtend roten Fassade. Während im Ratssaal des Rathauses die alten Eliten abdankten und die neue Ordnung diskutierten, drängten sich draußen Bürger und Händler zwischen den Marktständen und tauschten die neuesten Neuigkeiten der bewegten Zeiten aus. Im Jahr 1799 verordnete Napoleon der Schweiz neben dem metrischen System und einer zentralen Regierung auch eine einheitliche Währung: le franc suisse.
Münzchaos im Ancien Régime – 300 Währungen im Umlauf
32 Franken (Doppelduplone) der Helvetische Republik
Goldmünze zu 32 Franken (Doppelduplone) der Helvetischen Republik (1798-1803), Jahr 1800 (hier mit Münzzeichen B für Bern). Solche glänzenden Duplonen und ihre kleineren silbernen Verwandten symbolisierten den Anspruch der neuen Einheitswährung. Historisches Museum Basel, Inv. 1903.1428 (Quelle: Historisches Museum Basel, Fotograf: Alwin Seiler)
Um die Bedeutung dieser „Geburt“ zu verstehen, lohnt ein Blick zurück: Vor 1798 glich das Schweizer Währungswesen einem Münzchaos. Jeder Kanton, ja teils jede Stadt, prägte eigene Münzen. Über 300 verschiedene Münzsorten waren Ende des 18. Jahrhunderts in der Eidgenossenschaft im Umlauf. Zürich kalkulierte in Talern, Bern in Batzen, St. Gallen in Gulden – und Basel hatte seine eigenen Pfennige, Kreuzer und Taler. Reisende Händler mussten ständig umrechnen und an jeder Grenze Geld wechseln. Kein Wunder, dass der Handel enorm erschwert wurde durch diesen Wirrwarr aus Münzen. Die Münzhoheit lag bei den Kantonen, die ihr Recht eifersüchtig hüteten. Basel zum Beispiel betrieb seit dem Mittelalter eine eigene Münzprägestätte und schlug Münzen mit dem Basler Stab als Wappenzeichen. In dieser föderalen Kleinstaaterei war einheitliches Geld ein ferner Traum – bis die Helvetische Republik kam. Die Revolutionäre erkannten schnell, dass ein moderner Staat auch eine einheitliche Währung brauchte. Freiheitsbäume und Trikoloren allein reichten nicht; es brauchte harte Münzen und klare Verhältnisse im Geldbeutel.
Die Helvetische Regierung schritt zur Tat und führte 1798/99 erstmals eine einheitliche Schweizer Währung ein. Namensgeber und Vorbild war der französische Franc, doch man passte das System an hiesige Gegebenheiten an. Basis der neuen Währung war der bewährte Berner Münzfuss: Ein Franken entsprach dem Wert von 10 Berner Batzen. Unterteilt wurde der Franken in 100 Rappen – damit hielten auch die Ideen des Dezimalsystems Einzug. Allerdings tat man sich mit dem ungewohnten Begriff Franken zunächst schwer. Die Bevölkerung war an Taler und Batzen gewöhnt, also prägte man pragmatisch eine silberne 40-Batzen-Münze (den beliebten alten Taler) und eine 20-Batzen-Münze (halber Taler). Sogar eine goldene 32-Franken-Münze wurde ausgegeben – sie entsprach der französischen Doppel-Louis d’or und demonstrierte den Anspruch der neuen Währung. Kurioserweise verzichtete man zunächst auf eine 1-Franken-Münze; stattdessen übernahm diese Rolle eine 10-Batzen-Silbermünze als praktisch gleichwertiges Stück. Ergänzt wurde das Sortiment durch kleinere Nominale bis hinab zum 1 Rappen, sodass erstmals 1 Franken = 10 Batzen = 100 Rappen überall galt.
Vor allem aber schaffte man endlich zentrale Münzprägestätten. Die Helvetische Republik entzog den Kantonen das Münzrecht und richtete staatliche Münzstätten ein. Basel spielte dabei eine zentrale Rolle: Zusammen mit Bern und Solothurn wurde hier das neue Geld geprägt. Auf den Münzen war diskret vermerkt, wo sie entstanden – durch kleine Buchstaben. Ein „B“ stand für Bern, „BA“ für Basel, „S“ für Solothurn. So wurde in den Werkstätten am Marktplatz eifrig geprägt, gehämmert und gepresst. Die Helvetischen Franken trugen auf der einen Seite stolz den Schriftzug „HELVETISCHE REPUBLIK“ mit einem Freiheitshelden, auf der anderen den Wert in Franken und das Datum.
Doch die Geburtsstunde des Helvetischen Frankens verlief nicht ohne Komplikationen. Zwar war die Idee bahnbrechend – erstmals gab es Landeswährung im ganzen Land – aber Gewohnheiten ändern sich nicht über Nacht. Die drei Münzstätten Bern, Basel und Solothurn kamen mit der Produktion kaum nach; Münzen waren Mangelware. Und mancher misstrauische Zeitgenosse argwöhnte hinter dem neuen Geld ein französisches Diktat. Tatsächlich lehnten viele Menschen vor allem auf dem Land die Frankenmünzen ab – sie vertrauten lieber weiter ihren alten Batzen und Kreuzern. So zirkulierte der Helvetische Franken zunächst nur zögerlich.
Scheitern und Nachklang – Ende der Helvetik, Fortleben des Frankens
Wie so viele Experimente der Helvetischen Republik war auch die Währungsreform ihrer Zeit ein Stück voraus – und litt unter den Wirren der Politik. Die Jahre 1799–1802 brachten der Helvetik Krieg, Staatsstreiche und wirtschaftliche Not. Unter diesen Bedingungen konnte der junge Helvetische Franken kaum gedeihen. Als die Helvetische Republik 1803 nach nur fünf Jahren wieder auseinanderfiel, schaffte man auch die Einheitswährung eiligst ab. Die meisten Kantone kehrten reumütig zu ihren bewährten Münzsystemen zurück – jeder prägte wieder eigenes Geld, und das alte Münzchaos lebte neu auf. Basel jedoch hielt an der Idee fest: Zusammen mit einigen fortschrittlichen Kantonen behielt Basel Franken, Batzen und Rappen als offizielles Zahlungsmittel bei. Die Basler hatten Gefallen gefunden an der dezimalen Einfachheit und am Franken, der das Rechnen erleichterte. So wurde der Franken in Basel zum Erbe der Helvetik, ein Relikt der revolutionären Jahre, das im Alltag weiterlebte, während ringsum wieder Taler und Gulden klirrten. Auch wenn der erste Anlauf einer schweizweiten Währung gescheitert war – der Gedanke war nicht mehr auszurotten. Spätestens 1815, nach dem Ende der napoleonischen Zeit, erkannte man, dass die Zersplitterung des Münzwesens ein Hemmschuh für Handel und Fortschritt blieb. Initiativen für eine neue Vereinheitlichung machten die Runde (bereits 1819 gab es einen ersten „alten Schweizer Franken“, einen Währungsvertrag, dem sich 19 Kantone anschlossen). Der Geist des Helvetischen Frankens von 1798 lebte also fort und wartete nur auf seine Wiedergeburt.
Basels Beitrag zur Geschichte des Schweizer Frankens
Tatsächlich sollte Basel gut ein halbes Jahrhundert nach der Helvetik erneut eine Schlüsselrolle in der Währungsgeschichte spielen. Mit der Gründung des modernen Bundesstaats 1848 wurde die Vereinheitlichung des Münzwesens wieder aktuell. Und wer brachte einen entscheidenden Impuls? Ein Basler Banker und Visionär: Johann Jakob Speiser. Der umtriebige Financier und Mitgründer der Schweizerischen Centralbahn ließ sich 1845 am Marktplatz ein prächtiges Haus bauen. In diesen Hallen betrieb Speiser seine „Bank in Basel“ und ersann einen kühnen Plan: Er schlug einen einheitlichen Schweizer Franken mit gesetzlich festgelegtem Wertmaßstab vor. Speisers Vorschlag fand Gehör. 1850 – nur zwei Jahre nach der Bundesgründung – wurde das neue Münzgesetz verabschiedet und der Schweizer Franken offiziell als Landeswährung eingeführt. Damit erfüllte sich die Vision, die in Basel bereits 1798 geträumt worden war. Der neue Schweizer Franken knüpfte an den Helvetischen Franken an und orientierte sich wertmäßig am französischen Franc. Speisers Bankhaus am Marktplatz 13 ging später in den Schweizerischen Bankverein über, und noch bis ins 20. Jahrhundert residierte hier eine Filiale der Schweizerischen Nationalbank.
Wo Geschichte lebendig wird – Marktplatz Basel
Basel, das „Tor zur Schweiz“ am Rheinknie, hat in der nationalen Geschichte oftmals eine Vorreiterrolle gespielt. Die revolutionären Ideen um 1798 sowie der Vorschlag für einen einheitlichen Schweizer Frankens und einem entsprechenden Schweizer Münzgesetz ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Auf dem Basler Marktplatz – dort wo noch heute Gemüse, Kräuter und Käse gehandelt werden – wurde einst Währungsgeschichte geschrieben. Wer heute vor dem roten Rathaus steht, ahnt vielleicht nicht, dass hier der Schweizer Franken geboren wurde – doch genau dieses Wissen lässt die Pflastersteine des Marktplatzes lebendig werden.
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